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WEIRD AUSTRALIA -
1970 AND BEYOND
 

Mit poetisch verstörenden bis exzessiven Werken wie Walkabout, Wake in Fright, Picnic at Hanging Rock oder Mad Max machte sich eine Riege junger Regisseure in den 70er- und 80er-Jahren daran, Australien auf der Kinolandkarte neu zu verankern, und verlieh dem Kontinent im Zuge der Australian New Wave auf der Leinwand ein ganz eigenes Gesicht. Das staubtrockene, sonnenflirrende Outback zwischen roter Erde und der Weite des Himmels hat sie nicht nur zu Filmen im Grenzbereich zwischen Schein und Sein mit surrealem, schrägem oder schrillem Effekt inspiriert. Sie nutzten die der Landschaft eingeschriebenen Kontraste für die packende Dramaturgie ihrer stilprägenden Arbeiten. Das Stadtkino Basel lädt auf eine Reise Down Under und verfolgt - auf den Spuren der Australian New Wave - ihre Einflüsse bis in die Gegenwart.

 

Ein Mann sieht rot. Wüstenrot, um genau zu sein, so weit das Auge reicht. Sichtlich steigt ihm die schwelende Hitze unter dem australischen Himmel zu Kopf. Er schwitzt und hadert, vor allem mit sich selbst. Plötzlich schiesst der verzweifelte Vater in Richtung seiner beiden Kinder, die zunächst mit dem Schrecken davonkommen, bevor er schliesslich seinem eigenen Leben ein Ende setzt. Danach wird es still im Nirgendwo. Was dem jungen Geschwisterpaar bleibt, sind ein paar Happen Proviant und die unendlichen Weiten des glühenden, gottverlassenen Outback, dem sie von nun an ausgesetzt sind.

 

So beginnt Walkabout (1971) von Nicolas Roeg, ein Film über Australien, wie man ihn bis dahin selbst Down Under noch nicht gesehen hatte. Es war die erste eigene Regiearbeit des unkonformen Briten und sein letzter Einsatz als Kameramann, bei dem er noch einmal das gesamte Spektrum seiner Kunstfertigkeit auf die Probe stellte. Heute steht Roegs bestürzendes frühes Meisterwerk jedoch vor allem stellvertretend für eine ganze Welle von Filmen und Regisseuren, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren das australische Kino revolutionierten, indem sie zunächst ganz bewusst das Hinterland in den Vordergrund rückten und damit den Blick frei machten auf das pulsierende Herz des Kontinents, mit seinen blutfarbenen Savannen und Buschlandschaften, den endlosen, staubigen Highways und einer oft launenhaften Natur, die keine Gnade kennt. Mit Schauplätzen, die sich förmlich in die Leinwand brannten, und ebenso eindringlichen wie kontrastreichen Geschichten, in denen es genauso um die inneren Triebe, Passionen und Abgründe des menschlichen Seins ging wie um westliche Zivilisationskritik oder die Mythen, Träume und Erdverbundenheit der Aborigines. Die karge, unwirtliche Steppe diente den Filmemachern dabei häufig als Reflexionsebene für die persönliche Wahrnehmung der Welt. Das Ergebnis waren Filme, die sich zumeist im Grenzbereich zwischen Schein und Sein bewegten - mit surrealem, schrägem oder schrillem Effekt.

 

Der verstörenden Poesie, mit der Roeg in Walkabout ans Werk ging, stellte der Kanadier Ted Kotcheff noch im selben Produktionsjahr sein exzessives Outback-Drama Wake in Fright gegenüber, in dem sich ein gelangweilter Schullehrer in den Sommerferien auf eine in vielerlei Hinsicht ausufernde Reise ins Land der Finsternis begibt, zu der Bier und Glücksspiel genauso gehören wie die ganz reale Jagd auf Kängurus. Ähnlich wie Roeg war auch Kotcheff ein Aussenseiter, der es verstand, der einheimischen Filmindustrie nach einer langen Durststrecke (aufgrund mangelnder Finanzierungsmittel und Studios) neues Leben einzuhauchen - in diesem Fall mit einem bewusst aufmüpfigen Beitrag, der mit roher Wucht und Wildheit inszeniert war. Doch das eigentlich Bemerkenswerte an dem lange verschollen geglaubten Kultklassiker ist, dass Wake in Fright bis heute kein bisschen von der extrem befremdenden Wirkung verloren hat, die sich wie ein Schatten über die sonnendurchfluteten Bilder legt. Darüber hinaus nahm der Film mit seiner harschen Ästhetik und verspielten Kompromisslosigkeit Anfang der Siebziger vieles von dem vorweg, was sich erst Jahre später in George Millers populärer Mad Max-Franchise manifestieren sollte: Zunächst zog Mel Gibson als zerknirschter Ex-Cop eine blutige Spur der Rache durch Australiens Steppe, bevor es Tom Hardy in Mad Max: Fury Road (2015) gelang, die apokalyptische Wüste in einer einzigen, langen, spektakulären Verfolgungsjagd noch einmal grösser, verheerender und brutaler erscheinen zu lassen.

 

Gegenüber so viel Testosteron im Tank fühlt sich Peter Weirs Picnic at Hanging Rock (1975) geradezu harmlos an, wie ein wunderbar verschlafener Alptraum, aus dem man Mühe hat auszubrechen. Anders als seine ausländischen Kollegen spart der australische Regisseur viel aus bei seiner Verfilmung des Bestsellers von Joan Lindsay, in dem eine Gruppe junger Internatsschülerinnen auf mysteriöse Weise im Schlund des vermeintlich heiligen Hanging Rock verloren geht. Wichtiger als krasse Effekte und Auflösung sind ihm subtile Stimmungs- und Konfliktmomente, die das Klima in der strengen viktorianischen Erziehungsanstalt prägen, aus der die Mädchen stammen. Zugleich wacht die australische Sonne unnachgiebig über den rätselhaften Geschehnissen, die sich um die sagenumwobene Felsformation ergeben.

 

Orte der Gewalt, des Dramas und der Fantasie hat das australische Kino seit den Siebzigern immer wieder hervorgebracht. Aber wie tief sich die Spuren der sogenannten Australien New Wave tatsächlich über die Jahrzehnte in den Sand der einheimischen Filmgeschichte eingeschrieben haben, lässt sich an den Werken der Nachfolgegenerationen erkennen. Im starken Kontrast zu den eher real grotesken Lebenskonstruktionen, wie sie etwa Jane Campion in ihrem überraschend ungezwungenen Regiedebüt Sweetie (1989) oder Rolf de Heer in dem engagierten Aboriginal-Drama Charlie's Country (2013) ausloten, steht dabei etwa die kunstvoll künstliche Bilderwelt von Clara Law. Ihrem seltsam bezaubernden Kinomärchen The Goddess of 1967 (2005) um eine junge blinde Frau und einen japanischen Autonarren, die sich in einem rosafarbenen Citroën DS (Spitzname «Déesse», Baujahr 1967) auf eine Talfahrt ins spektakuläre Landesinnere begeben, wohnt eine ähnliche schwebende Melancholie der Landschaft inne, wie sie bereits bei Weir zum Tragen kam, wobei es der chinesischstämmigen Wahlaustralierin hier mit farbstilistischen Tricks gelingt, ihrem Film auch noch den letzten Schimmer von Realismus auszutreiben.

 

Ob im Oldtimer, Schulbus oder LKW, man ist überhaupt gerne unterwegs in Australien. Schliesslich ermöglichen die diversen Reisen ins menschenleere Hinterland nicht nur atemberaubende Trips durch Raum und Zeit, sondern auch durch die unterschiedlichsten Genres: Während in dem warmherzigen Trash-Hit The Adventures of Priscilla, Queen of the Desert (1994) die Drag-Queens Bernadette (Terence Stamp), Tick (Hugo Weaving) und Felicia (Guy Pearce) von einem Provinzkaff zum anderen ziehen, um die Einwohner mit ihrer offen zur Schau gestellten Andersartigkeit zu konfrontieren, muss sich in Franklins hitchcockartigem Highway-Thriller Road Games (1981) eine blutjunge Jamie Lee Curtis ganz allein gegenüber Stacy Keachs eigenbrötlerischem Truck-Driver Pat behaupten. Aber auch zu Pferde haben australische Regisseure ihre Figuren immer wieder das Land durchstreifen lassen, allen voran John Hillcoat, der die Rohheit und Faszination seiner Heimat vielleicht am eindrücklichsten in dem erbarmungslosen Spätwestern The Proposition (2005) eingefangen hat. Basierend auf einem ebenso prägnanten wie poetischen Drehbuch von Nick Cave, ist Hillcoats hervorragend besetzte Rachetragödie, die im Outback des ausgehenden 19. Jahrhunderts spielt, zugleich eine düstere Zustandsbeschreibung der gesellschaftlichen und interkulturellen Verhältnisse eines Landes, das durch Rassendiskriminierung, Kolonialisierung und Brutalität gekennzeichnet ist.

 

Wie sehr es unter der Haut der Australier bis heute brodelt, zeigt dagegen keiner so rückhaltlos wie David Michôd in seinem düsteren Erstlingsfilm Animal Kingdom (2010). In einer explosiven Mischung aus Familiendrama und Gangstertragödie dringt er darin ins Innerste seiner Protagonisten vor, um eine gleichsam präzise wie furchtbare Studie von Macht und Gewalt zu liefern, in der sich die leise, aber kathartische Transformation seines jungen Helden mit nahezu alttestamentarischer Schärfe vollzieht. Und spätestens wenn Ivan Sen in seinem aussergewöhnlichen Outback-Noir Goldstone (2016) auf raffinierte Art und Weise Mythos und Moderne wiedervereint, indem er nicht nur die Unberechenbarkeit der brachialen Landschaft erneut in den Vordergrund rückt, sondern in einer klugen Mischung aus Suspense und Tiefgang gleichzeitig den gesellschaftlichen Status quo der Nation infrage stellt, ist das australische Kino wieder ganz bei sich selbst angekommen. Bei so viel Talent und Eigenart dürfte es auch zukünftig spannend bleiben am anderen Ende der Welt. Bis dahin bleibt der Blick zurück. Das kann schmerzen, verblüffen und manchmal auch gefährlich sein, aber lohnend ist die Reise allemal.

 

Pamela Jahn

 
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