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HEINZ EMIGHOLZ
 

AUGEN AUF: ARCHITEKTUR!

Seit den 70er-Jahren erforscht der Filmemacher, Künstler, Autor und Produzent Heinz Emigholz das Verhältnis von Filmzeit und Raumerfahrung, von Erinnerungsstruktur und Bewusstsein. Früh schon fand er mit seinen experimentellen Werken internationale Beachtung und hat im Verlauf seiner mittlerweile 40-jährigen Karriere ein augenöffnendes Gesamtwerk geschaffen. Für seine Filmreihe «Photographie und jenseits» und deren Unterserie «Architektur als Autobiographie» reist er seit Jahren zu den Bauwerken prägender Architekten der Moderne wie Bruce Goff, Rudolph Schindler, Pier Luigi Nervi oder zuletzt Eladio Dieste und Samuel Bickels und fängt diese auf kongeniale Weise ein. In seinen zumeist ohne Text auskommenden Kompositionen lässt er die Räume selber sprechen, öffnet den Blick auf die Raumwirkung der Architektur und macht die Entwicklung realisierter Vision sowie von Form und Material sichtbar. Anlässlich seines vierteiligen Werkzyklus Streetscapes, der in diesem Jahr auf der Berlinale Premiere feierte, widmet das Stadtkino Basel dem «weltweit genauesten Beobachter von Architektur» eine Werkschau und freut sich, Heinz Emigholz am 8. November zu einem Gespräch zu Gast zu haben.

 

«Wahrnehmung ist die Fähigkeit, wahrnehmbare Formen ohne Materie aufzunehmen.» Aristoteles

 

Vermutlich wird der genaue Versuch einer Darstellung der Person und des Werkes von Heinz Emigholz scheitern. Zu uneinheitlich, verwoben, liminal ist dieses zwischen 1972 und heute entstandene Schaffen. Es gibt die Notizbücher voller Gedanken, Beobachtungen, Zeichnungen und gefundener Bildartefakte der Massenkultur. Es gibt die Zeichnungen als Zeichnung, als freie, assoziativ-fantastische Montagen in Schwarzweiss. Und es gibt die Filme, zunächst experimentell-analytische Arbeiten, die von Wahrnehmungsgrenzen und Zeitsystematiken handeln, dann die Spielfilme, in denen - exemplarisch Der Zynische Körper (1991) - Lebensformen, Leidensformen der Seele in einer abseitigen, da nichtnormativen Ästhetik präzisen Ausdruck finden, und es gibt die Architekturfilme, welche in konzentrierten Bildern Bauten von Architekten der Moderne, «Visionäre und Meister des Raumes», filmisch wiedererfahrbar machen. Auch wenn diese Aufzählung gemäss einer Werktypologie technisch zutrifft, so muss sie quasi an vielen Stellen mit einem Aber versehen werden. Zunächst sind die Gattungsgrenzen keine. Die Notizbücher sind gleichermassen Vorlagen, Skizzen, konzeptuelle Treatments für die Zeichnungen und die Filme (und die veröffentlichten Bücher). Und sie werden selber zu Darstellern in den Filmen (Der Zynische Körper, die Reihe Die Basis des Make-Up, 2+2=22 (2017)). Sie sind, wie die Zeichnungen und die Filme, direkter Abdruck, Kopie eines «wilden», anschauenden Denkens. Und wenn allen Filmen variantenreich das Motiv der Zeit zugrunde liegt, dann stets auch komplementär zum, in allen drei Medien explizit verhandelten, gebauten Raum. Vielen Arbeiten von Heinz Emigholz gemeinsam ist eine bestimmte Innerlichkeit. Nimmt man ein Buch zur Hand oder betrachtet eine Zeichnung, so ist unmittelbar die Empfindung da, Teil ihrer Entstehung im Kopf des Autors zu werden. Und die Filmbilder, gerade auch die Bilder der Architekturen, sie verweisen immanent auf ihren Entstehungsort in der Kamera, es sind entschiedene Bilder aus dem mit dem Autor verwandten Geiste des Apparates.

 

Bilder einer Architektur
Die Titel der von Heinz Emigholz konzipierten Filmserien sind ungewöhnliche. Unter «Photographie und jenseits» versammelt der 1948 in Achim bei Bremen geborene Künstler und Autor ab Anfang der Neunzigerjahre Werke, die sich «mit Produkten menschlicher Gestaltung» befassen, zu den beiden Unterserien «Architektur als Autobiographie» und «Aufbruch der Moderne» zählt er seine Architekturfilme. Diese sind einem genauen chronologischen Ablauf unterworfen. Eine Schrifttafel informiert über das zu sehende Objekt, das Baujahr und das Datum der Aufnahme. Es folgen einzelperspektivische unbewegte, ruhige Aufnahmen bestimmter Ausschnitte des Gebäudes, ein jedes Bild umgibt eine genaue Tonaufzeichnung seiner akustischen Umwelt. Betrachtet man erstmals den «argumentative(n) Einsatz dieser durchgestalteten Bildflächen innerhalb eines Filmes» (Emigholz), widerfährt der Wahrnehmung möglicherweise ein Schrecken.
Erschrocken angesichts der Armut an eigener Seherfahrung im Umgang mit Bauten, sind doch diese scheinbar so einfachen, unaufdringlichen Bilder gerade in ihrer fotografischen Konzentration von einer überraschenden Fülle an vielgestaltigen Einblicken in die architektonische Essenz. Verschämt ob der eigenen Blindheit steigert sich mit jeder weiteren Einstellung die Lust an weiteren Einsichten, und vielfach ist die Wahrnehmung der Bildräume einem Begehren zugetan, in diesen Räumen selber sein zu wollen.

 

Das von Emigholz komponierte akustische Einzelbild ist voller Leben. Leben, das sichtbar wird in den Spuren des Gebrauchs, der Umwelt, Leben, das sich hörbar macht über den Wind, die Autogeräusche und Gesprächsfetzen, aber auch über die Kontinuität, das Voran der Einstellungen, ein morphologisches Fliessen von einer Aufnahme zur nächsten. Der eine Abdruck der Wirklichkeit bildet über die nächstfolgenden eine Modulation dieser Wirklichkeit aus, die beredt vom Leben der Gebäude, ihrer Bewohner und Benutzer, aber auch vom Leben des Zusammenhangs, des Kontextes mit der Strasse, der Stadt, der Gesellschaft spricht. Ein jedes Gebäude wirkt so immer auch wie eine Verkörperung der Zeit, aus der Zeit, in der Zeit.

 

Irgendwann fällt eine bestimmte formale Eigenheit in den Bauten, den Fassadenstrukturen, der Ausgestaltung der Innenräume auf, die wohl auch die Auswahl gelenkt hat. Die Moderne, die Emigholz interessiert, ist eine, die den einfachen rechten Winkel, das Raster, die nüchterne Funktionalität meidet. Vielmehr wiederholen sich in allen Architekturen jene Elemente, die gerundet, gewölbt, geschwungen gestaltet sind, weich und elegant wirken. Sie mögen der notwendigen Statik und Pragmatik im Bauen - also auch den Bildern - einen gewissen «erotischen» Surplus verleihen.

 

Zudem widerspricht Emigholz der verbreiteten Kritik am International Style, am Topos einer Funktion, der sich jede Form zu unterwerfen hat. Mit der sublimen Analyse des jeweiligen gestalterischen Ausdrucks gelingt es seinen Bildern, jene grosse Leidenschaft zu bezeugen, die die einzelnen Architekten in der ästhetischen Ausformung, ja Transzendierung der Funktion und des Gebrauchs aufgewendet haben.
Dieser in den Bausprachen verkörperte Ausdruck bei Sullivan, Maillard, Goff, Schindler, Loos, Perret, Dieste, Bickels vereint Eigenheiten der Konstruktion mit solchen des Materials und des Ornaments, schafft bewusst Gegensätze, um solcherart einer Moderne zuzuspielen, die mit der befreiten Sinnlichkeit des Materials, etwa des Marmors bei Loos, des Betons bei Schindler und Perret, mit dem zweckfreien Spiel der Zwischenräume bei Dieste, der strukturellen Emphase von Maillard, eine leb- und wohnbare Moderne postuliert.

 

In zwei jüngeren Arbeiten, The Airstrip und Streetscapes [Dialogue], erzählt Emigholz sich selbst. Die erste eine Art «Rahmennovelle», in der sich Triumph und Zerstörung gleichermassen ereignen. Zwei wilhelminische Denkmäler rahmen die politischen Kaskaden der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mithilfe von Architekturen, deren Gemeinsamkeit die ihres Materials ist, Beton, folgt der Film einer Bewegung im historischen Raum, eine mäandernde Reisebewegung durch Zeiten und Kontinente als Spurensuche und Demonstration einer «Dialektik der Aufklärung», eines Aufstiegs und Niedergangs rationaler Weltsicht. Zwei formale Überraschungen: Einige Szenen begleitet Musik bzw. arbeiten einige Songs der deutschen Gruppe Kreidler komplementär zum Bild an einer ästhetischen Aussage zur Dialektik. Und zudem erweitern Animationen dieses Zusammenspiel, sie steigen und fliegen, lakonisch-ironischen Kommentaren gleich, wie Sprechblasen aus der dumpfen Wirklichkeit eines Flughafens auf.

 

Der zweite Film, Streetscapes [Dialogue], ist in gewisser Weise ein persönlicher Metatext zur Architektur als Autobiographie. Ein Gespräch zwischen einem Analytiker und einem Regisseur, das sich in exquisiten Räumen ereignet, etwa den Schalenbauten Eliado Diestes. Spiralenhaft lassen sich gegensätzliche Kräfte vernehmen, die in einzelnen Lebensphasen Emigholz’ stets von neuem den Widerstreit ausgetragen haben zwischen künstlerischem (Selbst-)Ausdruck und gesellschaftlichem Ekel, zwischen Errettung durch das begehrte Bild und Erstarrung im Selbstzweifel. Zugleich bietet Streetscapes [Dialogue] ein enormes Reservoir an filmästhetischen Reflexionen, die ich in der Tradition etwa von Kiarostamis «lessons on movie-making» 10 on Ten sehe.

 

Vielleicht findet sich eine Synthese vieler ästhetischer Modi von Heinz Emigholz in dem Film 2+2=22 [The Alphabet], zugleich eine Referenz an Godards One Plus One. Der Film ist zwar die Dokumentation einer Aufnahmeproduktion von Kreidler für ihr neues Album «ABC» in Georgien. Doch sie zerfällt oder öffnet sich schnell in ein inspirierend-relationales Gefüge aus Gedanken zu (Lebens-)Wegen, Strassen, Kreuzungen ..., allesamt Synonyme für eine Suche, eine Beziehung, Hoffnung. Diese Hörbilder sind geschichtet mit Aufnahmen von Seiten aus den Notizbüchern und aus Aussenaufnahmen der Strassen von Tiflis, natürlich auch von besonderen und okkasionellen Architekturen. Die auf diese Weise hergestellte Verdichtung begleitet die Zuschauer und Zuhörer, sie nehmen teil an der Erschaffung, Erzeugung einer Musik, die selber eine Art Spiegelbild von Heinz Emigholz ist: in Überlagerungen rhythmisiert, zwischen die Gattungen geworfen, viraler Bewusstseinsstrom, überraschende Wendungen. Und dann ..., und dann ...

 

Marc Ries

 
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